Ein Palliativmediziner aus Berlin steht im Verdacht, das Leben von 15 Patienten beendet zu haben. Der Prozess, der seit fast elf Monaten läuft, wirft schwerwiegende Fragen auf. Wird der Angeklagte sein Schweigen brechen?
Vorwürfe gegen den Arzt
Der promovierte Mediziner sieht sich schweren Vorwürfen gegenüber. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Mordes aus Heimtücke und aus niederen Beweggründen. Zwischen September 2021 und Juli 2024 soll er ohne medizinische Indikation und ohne das Wissen oder die Zustimmung der Patienten bei Hausbesuchen jeweils ein tödliches Gemisch aus verschiedenen Medikamenten verabreicht haben. Dies geht aus der 255-seitigen Anklageschrift hervor. Zudem wird ihm vorgeworfen, mehrfach Feuer gelegt zu haben, um seine Spuren zu verwischen.
Details zu den mutmaßlichen Opfern
Die Anklage nennt als jüngstes Opfer eine 25-Jährige und als ältestes eine 94 Jahre alte Frau. Alle Betroffenen waren schwerstkrank, jedoch stand ihr Tod nicht unmittelbar bevor. Hinterbliebene äußern sich fassungslos über die Vorfälle. Ein Sohn berichtete von den Lebensplänen seiner 72-jährigen Mutter, die am 24. Juli 2024 starb: „Sie wollte mit ihrer Schwester an die Ostsee reisen – meine Mutter wollte weiterleben.“ Eine andere Mutter weinte im Gerichtssaal um ihre 25-jährige Tochter und betonte: „Nie hat sie gesagt, dass sie nicht mehr leben wollte.“
Indizien und Beweise
Im Rahmen der Ermittlungen wurden mehrere Leichname exhumiert und rechtsmedizinisch untersucht. Toxikologische Gutachten sollten mögliche tödliche Substanzen nachweisen. Ein Toxikologe erklärte, dass der Arzt schwerstkranke Patienten zunächst mit einem Medikament betäubt und ihnen anschließend ein Muskelrelaxans injiziert haben soll. Dieses führt ohne künstliche Beatmung innerhalb weniger Minuten zum Atemstillstand und damit zum Tod. Bei den Untersuchungen wurden wiederholt Rückstände eines Muskelrelaxans gefunden.
Ermittlungen und Telefonüberwachung
Die Ermittler werteten die Mobiltelefone des Arztes aus und erstellten Bewegungsprofile. Zudem wurde überprüft, ob er in Berliner Apotheken ein Muskelrelaxans bestellt hatte. Während seiner Untersuchungshaft wurde der Telefonanschluss seiner Frau abgehört. Aus den Protokollen geht hervor, dass der Arzt seiner Frau versicherte, er habe „nicht wahllos getötet“ und habe „keinen Menschen ermordet“. Teile dieser Aufnahmen wurden im Gericht abgespielt, in denen der Angeklagte die Vorwürfe Punkt für Punkt mit seiner Frau durchging. Er betonte, dass er niemals gegen den Willen einer Patientin gehandelt habe und sprach von „moralischem Handeln mit den falschen Mitteln“.
Hintergrund des Angeklagten
Der 41-jährige Arzt hat in Frankfurt am Main studiert und zwei Facharztausbildungen absolviert. 2020 zog er nach Berlin, ist verheiratet und hat einen Sohn. Patienten, Angehörige und Kollegen beschrieben ihn als einfühlsam. Seine frühere Chefin berichtete, dass er zunächst als „sehr zuvorkommend, höflich, hilfsbereit und eifrig“ wahrgenommen wurde. Ab Januar 2024 arbeitete er in einem neu gegründeten Palliativteam eines Pflegedienstes, wo er vor allem in Berlin-Neukölln tätig war.
Untersuchungshaft und Motiv
Der Angeklagte sitzt seit Anfang August 2024 in Untersuchungshaft. Bisher hat er sich zu den Vorwürfen nicht geäußert und ein Gespräch mit einer psychiatrischen Sachverständigen verweigert. Diese beobachtet nun sein Verhalten vor Gericht und wird am Ende der Beweisaufnahme ihre Einschätzung zu seinem Charakter und seiner Schuldfähigkeit abgeben. Das Motiv des Arztes bleibt bislang unklar. Immer wieder wird auf seine Dissertation aus dem Jahr 2013 verwiesen, die den Titel „Warum töten Menschen?“ trägt und Tötungsdelikte zwischen 1945 und 2008 in Frankfurt am Main untersucht.
Ermittlungen und mögliche weitere Anklagen
Die Ermittlungen wurden durch Brände ausgelöst, die der Arzt gelegt haben soll, um die Tötungen zu verdecken. Zunächst wurde wegen Brandstiftung mit Todesfolge ermittelt, wobei der Angeklagte zunehmend in den Fokus rückte. Die damalige Chefin des Angeklagten wandte sich an die Ermittler, nachdem überdurchschnittlich viele Patienten ihres Kollegen gestorben waren. „Vier Leichen und vier Brände innerhalb von sechs Wochen – ich habe nicht mehr an Zufälle geglaubt“, so die Zeugin.
Das Berliner Landeskriminalamt richtete eine Ermittlungsgruppe des Morddezernats ein, die Hunderte Patientenunterlagen auswertete. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage in 15 Fällen.
Ausblick auf den Prozess
Die Staatsanwaltschaft strebt neben einer Verurteilung des Angeklagten auch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sowie eine anschließende Sicherungsverwahrung an. Zudem soll dem Arzt ein lebenslanges Berufsverbot auferlegt werden. Der Prozess ist derzeit bis zum 10. August terminiert. Parallel laufen in mehr als 70 weiteren Fällen Ermittlungen, und die Staatsanwaltschaft schließt weitere Anklagen nicht aus. Der Fall könnte sich als einer der größten in der bundesdeutschen Geschichte herausstellen.
Eine Mordserie in Niedersachsen gilt bislang als die größte in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Der Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv für seine Taten blieb unklar, das Gericht stellte fest, es sei ihm um die „Gier nach Spannung“ gegangen.
Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich kürzlich in Berlin, als ein Mann einen Fahrgast an einer Bushaltestelle attackierte. Weitere Informationen zu dieser Gewalttat an Bushaltestelle in Berlin sind verfügbar. Auch die tragischen Ereignisse in Linz, wo drei Menschen starben, werfen Fragen auf. Details zu den Umständen finden Sie in dem Artikel über die Drei Menschen tot in Linz. Zudem gab es einen Vorfall in Leipzig, bei dem ein Autofahrer in eine Menschengruppe raste, was zu zwei Todesopfern führte. Weitere Informationen zu diesem Vorfall finden Sie in dem Artikel über den Autofahrer in Leipzig.
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Quellen: mopo
Bildquelle: Bildquelle: Sasun Bughdaryan auf Unsplash