Design-Enttäuschungen: Fünf automobile Fehltritte von Ferrari bis Fiat
28.05.2026, 10:40 Uhr
Seit der Enthüllung des Ferrari Luce sind die sozialen Medien von Kritik und Spott geprägt, da das erste elektrische Modell des Herstellers als „speziell“ wahrgenommen wird. In der Automobilbranche kommt es immer wieder zu solchen Reaktionen, die nicht zwangsläufig zu einem Misserfolg führen müssen. Hier sind fünf Beispiele.
Das Design von Autos war schon immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. Heutzutage wird dieser Geschmack jedoch in Echtzeit in Kommentarspalten, Foren und sozialen Netzwerken diskutiert, wo ein neues Modell innerhalb von Minuten vom Hoffnungsträger zur Lachnummer degradiert werden kann. Dies erlebt derzeit Ferrari mit dem Luce. Kaum war der erste elektrische Ferrari vorgestellt, hagelte es Kritik an dem revolutionären Design, das von Jony Ive, dem ehemaligen Apple-Designer, entworfen wurde. Viele echte Ferrari-Fans fühlten sich enttäuscht, da sie eine elektrische Neuauflage des F40 oder Testarossa erwartet hatten.
Ferrari ist mit diesem Dilemma jedoch nicht allein. Vor zwei Jahren verfolgte Jaguar einen ähnlichen Ansatz, möglicherweise sogar noch konsequenter. Während die Briten mit dem Type 00 demonstrativ den Bruch mit ihrer Vergangenheit inszenierten und klar machten, dass ein Neustart wichtiger ist als nostalgische Rücksichtnahme, versucht Ferrari, zwei Welten parallel zu bedienen: klassische Hochleistungsmodelle für die treue Kernkundschaft und den elektrischen Aufbruch für neue Käufer und eine neue Ära. Jaguar setzte auf einen radikalen Neuanfang, während Ferrari den Spagat wagt.
Emotionale Diskussionen über Strategiewechsel
Solche Strategiewechsel werden besonders emotional diskutiert, denn es geht nicht nur um das Design. Es geht um Identität, Markentreue und die Frage, wem eine Marke gehört: den bisherigen Fans oder den zukünftigen Kunden.
Der digitale Reflex ist jedoch als Marktforschung nur bedingt brauchbar. Nicht jedes Auto, das verrissen wird, floppt, und nicht jedes polarisierende Design ist automatisch ein Fehler. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Auto beim ersten Blick provoziert, sondern ob diese Provokation Kunden abschreckt oder gerade neugierig macht.
Beispiele aus der Automobilgeschichte
Die Geschichte des Automobils liefert zahlreiche Beispiele mit unterschiedlichen Ausgängen. Einige Modelle sind aufgrund ihres Aussehens krachend gescheitert, während andere trotz aller Häme erfolgreich waren. Einige Fahrzeuge wurden erst Jahre später vom Gespött zum Kultobjekt.
Ferrari Luce
Ferrari und Vernunft scheinen schwer vereinbar zu sein. Daher hatten die Italiener offenbar große Mühe mit dem Design ihres ersten Elektroautos. Sie wagten viel und verloren auf den ersten Blick ebenso viel. Das eigenwillig gestaltete Glashaus auf überdimensionierten Rädern wirkt für viele eher wie ein Spielzeug als ein begehrenswertes Objekt für eingefleischte Autofans. Statt Maranello assoziieren viele eher Cupertino, was nicht verwunderlich ist, da der ehemalige Apple-Designchef für das Styling verantwortlich zeichnet.
Das Internet war bereits Minuten nach der Premiere voll von Hass und Spott. Doch dies sagt kaum etwas über den Markterfolg aus. Ferrari verkauft keine Massenmodelle, sondern Exklusivität. Die Marke lebt nicht davon, dass Kommentarspalten applaudieren, sondern dass Kunden mit entsprechendem Kontostand auf Wartelisten stehen. Selbst wenn Puristen zetern, könnte das Modell wirtschaftlich erfolgreich sein. Der Sammlerstatus? Zu früh. Aber als erster elektrischer Ferrari hat es ohnehin historische Relevanz, unabhängig davon, ob es geliebt wird oder nicht.
Ford Edsel
Wenn ein Auto zum Synonym für Misserfolg geworden ist, dann ist es der Edsel. Ford investierte Ende der 1950er Jahre massiv in eine neue Marke zwischen Mercury und Ford, begleitet von einem gigantischen Marketing-Hype. Doch als das Auto 1957 auf den Markt kam, war die Reaktion frostig. Besonders die Front mit dem markanten vertikalen Kühlergrill wurde gnadenlos verspottet, nicht zuletzt wegen der optischen Nähe zu weiblichen Geschlechtsmerkmalen in den damals noch prüden USA.
Allerdings war das Design nur ein Teil des Problems. Der Markt kippte in Richtung Rezession, die Positionierung war unklar, und die Qualität sowie das Timing waren schwach. Dennoch wurde das Erscheinungsbild zum sichtbaren Symbol des Debakels. Der Verkauf blieb dramatisch hinter den Erwartungen zurück, und das Projekt wurde nach kurzer Zeit eingestellt. Heute ist der Edsel kein Designheld, sondern ein Sammlerstück mit historischem Kuriositätenwert. Kultstatus? Ja. Erfolgreich? Nie.
Fiat Multipla
Der 1999 vorgestellte Multipla sah aus, als hätte jemand zwei Autos übereinandergestapelt. Die zusätzliche Lichtleiste unter der Windschutzscheibe machte ihn zum Liebling jeder Hässlichkeitsliste. Dennoch wäre es unfair, ihn als Flop abzutun.
Fiat hatte kein Schönheitsobjekt geschaffen, sondern ein Raumwunder. Sechs vollwertige Sitze auf kompakter Grundfläche, drei davon in der ersten Reihe, enorme Alltagstauglichkeit und clevere Verpackung überzeugten viele Familien mehr, als sie durch Designkritik abgeschreckt wurden. Ein Massenseller wurde der Multipla zwar nie, aber er verkaufte sich solide und erfüllte seinen Zweck. Erst das spätere Facelift machte ihn optisch konventioneller und interessanterweise auch langweiliger. Heute genießt der frühe Multipla beinahe einen Kultstatus, nicht trotz seines Aussehens, sondern gerade wegen dessen.
Ford Scorpio
Der erste Ford Scorpio war ein solides, respektables Auto. Der Nachfolger von 1994 hingegen wirkte wie ein gestalterischer Unfall im Entwicklungszentrum. Die Front mit ihren glubschigen Scheinwerfern und der unfokussierten Formensprache irritierte selbst loyale Ford-Kunden, und das walzenrunde Heck machte die Sache nicht besser.
Hier war das Design tatsächlich geschäftsschädigend. In einer Klasse, in der Käufer auf Status, Souveränität und konservative Eleganz achteten, wirkte der Scorpio wie ein Exot ohne klare Botschaft. Markenimage und Konkurrenzdruck durch BMW, Mercedes und Opel spielten ebenfalls eine Rolle. Doch das Design beschleunigte den Absturz sichtbar. Kein Wunder, dass Ford den Namen bald aufgab, es noch einmal mit dem Mondeo versuchte und sich mittlerweile ganz aus der Mittelklasse zurückgezogen hat. Sammlerstatus? Kaum. Der Ford Scorpio bleibt eher eine Mahnung als ein Missverständnis.
Pontiac Aztek
Kaum ein Auto wurde so einhellig verspottet wie der Pontiac Aztek (2001-2005). Zu kantig, zu zerklüftet, zu chaotisch – als hätte ein Designteam ohne gegenseitige Kommunikation gearbeitet. Das Urteil war brutal. Anders als bei manch avantgardistischem Entwurf spiegelte sich dies auch in den Verkaufszahlen wider.
Pontiac hatte auf ein junges, aktives Lifestyle-Publikum gehofft. Stattdessen wurde der Aztek zum Paradebeispiel misslungener Produktgestaltung. Die Erwartungen wurden klar verfehlt. Erst Jahre später begann eine späte Rehabilitierung, nicht durch Designkritiker, sondern durch die Popkultur, insbesondere in der TV-Serie „Breaking Bad“. Heute besitzt der Aztek einen ironischen Kultstatus. Doch das ist die Art von Ruhm, mit dem kein Hersteller seine Bilanz retten kann.
Quellen: n-tv
Bildquelle: Glomex