Das Netzwerk der wohnortnahen Apotheken in Deutschland wird zunehmend dünner, während der Druck durch Online-Konkurrenz wächst. Welche Maßnahmen können stationäre Apotheken ergreifen, um in diesem herausfordernden Umfeld zu bestehen?
Jörg Schulze, der früher die Blumenapotheke in Schönenberg-Kübelberg (Rheinland-Pfalz) leitete, ist erleichtert, dass er nun nur noch gelegentlich aushilft. Nach 33 Jahren übergab er die Verantwortung an einen jüngeren Nachfolger. Die Gründe für seine Entscheidung sind vielfältig: lange Arbeitstage, hoher Stress und gesundheitliche Probleme. Besonders frustriert ist er über die Gesundheitspolitik der letzten Jahre, die er als von „Willkür“ und „überbordender Bürokratie“ geprägt empfindet.
Apothekenvermittlung als Lösung
Schulze ist nicht allein mit seinen Sorgen. Laut der Apothekenvermittlung s.s.p. aus Fürth (Bayern) haben viele Apotheker den Wunsch, ihre Geschäfte zu verkaufen, oft aus Unzufriedenheit mit der politischen Lage. Jährlich werden etwa 100 bis 120 Apotheken in die Vermittlung aufgenommen. Die Berater bewerten den Marktwert, prüfen die Wirtschaftlichkeit und bringen Verkäufer und Käufer zusammen. Der gesamte Prozess dauert in der Regel maximal anderthalb Jahre. Die Lage der Apotheke spielt eine entscheidende Rolle, da viele Käufer nicht an ländlichen Standorten interessiert sind, selbst wenn die Apotheke wirtschaftlich gut dasteht.
Rückgang der Apothekenzahlen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 2015 gab es in Deutschland noch 20.249 Apotheken, während es zehn Jahre später nur noch 16.601 sind. Dies stellt den niedrigsten Stand seit fast 50 Jahren dar, als 1977 zuletzt weniger Apotheken existierten. Die ABDA, die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, bezeichnet diese Entwicklung als alarmierend und warnt, dass jede Schließung die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung schwächt. Wie die EU die europäische Arzneimittelversorgung langfristig sichern möchte ist ein wichtiges Thema in diesem Kontext.
Erreichbarkeit der Apotheken
Das Thünen-Institut hat untersucht, wie viele Menschen innerhalb von 15 Minuten eine Apotheke erreichen können, und dabei zwischen Stadt- und Landbevölkerung unterschieden. In städtischen Gebieten erreichen 100 Prozent der Menschen mit dem Auto innerhalb von 15 Minuten eine Apotheke, 98 Prozent mit dem Fahrrad und 85 Prozent zu Fuß. Im ländlichen Raum sind die Zahlen ähnlich: 99 Prozent erreichen die Apotheke mit dem Auto, 77 Prozent mit dem Fahrrad und 53 Prozent zu Fuß. Diese Zahlen haben sich in den letzten zehn Jahren nicht wesentlich verschlechtert, was Branchenexperten als Marktkonsolidierung im Gesundheitssektor interpretieren.
Politische Herausforderungen
Aktuell werden in der Gesundheitspolitik zahlreiche Reformen angestoßen, um die finanziellen Engpässe der Krankenkassen zu bewältigen. Apotheker beklagen seit Jahren eine chronische Unterfinanzierung und hatten auf das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz gehofft, das kürzlich verabschiedet wurde. Seit 2013 beträgt das Fix-Honorar für jede abgegebene Packung eines verschreibungspflichtigen Medikaments 8,35 Euro. Eine Anpassung auf 9,50 Euro war im Koalitionsvertrag vorgesehen, wurde jedoch aufgrund der angespannten Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen vorerst zurückgestellt.
Wettbewerb durch Online-Apotheken
Die stationären Apotheken sehen sich zunehmend dem Wettbewerb durch Online-Anbieter wie Shop Apotheke, Doc Morris und Apo.com ausgesetzt, die mit Rabatten und Aktionscodes werben. Auch Drogerieketten wie dm und Rossmann drängen in den Apothekenmarkt. Diese Online-Apotheken, die im Ausland ansässig sind, können Rabatte anbieten, während für deutsche Apotheker eine Preisbindung gilt.
Gesundheitsökonom David Matusiewicz von der FOM Hochschule in Essen betont, dass stationäre Apotheken ohne innovative Ansätze Schwierigkeiten haben werden, gegen die Versandapotheken anzukommen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten sie sich zu „Tankstellen der Gesundheit“ entwickeln, die sowohl analoge als auch digitale Dienstleistungen anbieten. Vor-Ort-Apotheken könnten sich als Primärversorger etablieren und ihren Fokus verstärkt auf Beratung legen.
Erweiterung der Dienstleistungen
Die Apothekenreform ermöglicht es Apotheken, ein breiteres Spektrum an Tests, Vorsorgeleistungen und Impfungen anzubieten. Neben Impfungen gegen Corona und Grippe können sie nun auch gegen Tetanus oder FSME impfen. Matusiewicz sieht großes Potenzial in den Märkten für Prävention und Longevity, mit Themen wie gesunder Ernährung oder Rauchentwöhnung. Zudem sollten pharmazeutische Dienstleistungen wie Polymedikationberatung und Risikoerfassung bei Bluthochdruck ausgebaut und angemessen vergütet werden. Durch spezialisierte Beratung könnten Apotheken in Zukunft mehr sein als nur „reine Umschlagplätze für Medikamente“.
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Quellen: tagesschau