Anthropic-Modell Claude Mythos
Wie KI Banken und das Finanzsystem destabilisieren könnte
Stand: 02.06.2026 • 10:18 Uhr
Das KI-Modell Claude Mythos des Unternehmens Anthropic entdeckt Softwareanfälligkeiten in Rekordzeit. Ein möglicher Missbrauch könnte Cyberangriffe begünstigen. Banken und Aufsichtsbehörden zeigen sich besorgt: Ist das Finanzsystem anfälliger denn je?
Eine Analyse von Angela Göpfert, ARD-Finanzredaktion
Auf den ersten Blick mag es wie ein Nischenthema für IT-Experten erscheinen: Eine neue Künstliche Intelligenz identifiziert Schwachstellen in Software schneller als je zuvor. Doch im globalen Finanzsystem könnte dies zu einem erheblichen Stabilitätsrisiko führen. Banken, Börsen, Zahlungsdienstleister und Versicherungen sind auf funktionierende und sichere Software angewiesen.
Wenn Künstliche Intelligenz Sicherheitslücken jedoch rascher aufspürt, können diese auch von Kriminellen zügiger ausgenutzt werden. Fachleute sprechen bereits von einem systemischen Risiko für das globale Finanzsystem. Dies wird besonders deutlich in Berichten über digitale Betrugsmaschen, die Verbraucher Milliarden kosten.
Auslöser dieser Diskussion ist Claude Mythos, das neueste KI-Modell des US-Unternehmens Anthropic. In Testläufen soll es bereits Tausende von kritischen Sicherheitsanfälligkeiten in Software, sogenannte Zero-Days, entdeckt haben, die zuvor über Jahre hinweg ignoriert wurden. Darüber hinaus ist es in der Lage, eigenständig komplexe Cyberangriffe zu programmieren.
Unternehmen wie Anthropic, Open AI und Space X gelten als die neuen KI-Pioniere auf dem Markt.
Warum Aufsichtsbehörden vor KI-Risiken warnen
Die Europäische Zentralbank (EZB) betrachtet dies als ernsthafte Bedrohung für das Finanzsystem und hat kürzlich ein Nottreffen europäischer Banken einberufen. Der Financial Stability Board (FSB), der zentrale internationale Finanzstabilitätswächter der G20, spricht von „neuen und fortgeschrittenen Risiken für die globale Finanzstabilität“.
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in KI-Modellen wie Mythos eine Gefahr für das globale Finanzsystem und warnt vor einem „potenziellen makrofinanziellen Schock“. Laut einer IWF-Analyse könnten extreme Verluste durch Cybervorfälle zu Finanzierungsengpässen führen, Zweifel an der Zahlungsfähigkeit von Instituten wecken und breitere Marktverwerfungen nach sich ziehen.
Cyberkriminalität gegen Unternehmen und Privatpersonen stellt ein wachsendes Risiko dar, wobei insbesondere KI als besonders gefährlich gilt.
Was ein Angriff auf SWIFT auslösen könnte
Man muss sich nur vorstellen, dass ein so leistungsfähiges KI-Modell wie Mythos die globale Bankinfrastruktur ins Visier nimmt – beispielsweise das zentrale Nachrichtensystem SWIFT, über das Banken weltweit Zahlungsaufträge und andere Finanznachrichten sicher austauschen.
Der potenzielle Schaden wäre enorm. Angreifer könnten Zahlungsströme in Milliardenhöhe manipulieren und das Vertrauen in Banken sowie das Finanzsystem vollständig untergraben. Anthropic selbst hält seine neue Spitzen-KI für zu gefährlich und hat sie daher bislang weitgehend unter Verschluss gehalten, plant jedoch, sie in den kommenden Wochen für alle Kunden zugänglich zu machen.
Das Pentagon drängt Anthropic zur Freigabe seiner KI für militärische Zwecke – Frist bis Freitag.
Project Glasswing soll kritische IT schützen
Bisher haben nur ausgewählte Unternehmen und Organisationen im Rahmen von „Project Glasswing“ kontrollierten Zugang zu Claude Mythos. Dazu zählen unter anderem Amazon, Microsoft, Apple, Google, Nvidia und JPMorgan Chase. Ziel ist es, Sicherheitsanfälligkeiten in kritischer Software-Infrastruktur schneller zu identifizieren und zu beheben.
Experten bezeichnen Mythos nicht ohne Grund als klassische „Dual-Use-Technologie“: Das neue KI-Modell ist sowohl eine potenzielle Cyberwaffe als auch ein effektives Werkzeug zur Abwehr von Cyberangriffen.
Nach Amazon investiert nun auch Google mehrere Milliarden in die Entwicklerfirma Anthropic.
Europas Banken haben (noch) keinen Zugang
Die EU-Behörde für Cybersicherheit (ENISA) soll ebenfalls Zugang zum KI-Modell Mythos von Anthropic erhalten. Die konkreten Bedingungen müssen jedoch noch ausgehandelt werden, wie am Montag bekannt wurde. Bis dahin bleiben europäische Banken außen vor – aktiv werden müssen sie laut Experten jedoch bereits jetzt.
Banken im Euroraum sollten mehr in Cybersicherheit investieren, ist Luis de Guindos überzeugt. „Wir müssen das Bewusstsein der Finanzinstitute, der Banken, dafür schärfen, dass zusätzliche Investitionen in Cybersicherheit nötig sind“, betont der scheidende EZB-Vizepräsident.
Banken müssen Sicherheitslücken schneller schließen
Experten betonen, dass die sogenannten „Patch-Gaps“, also die Zeitspanne zwischen dem Auffinden und dem Schließen einer Sicherheitsanfälligkeit, entscheidend sind. In der Vergangenheit ließen sich Banken oft wochenlang Zeit, was in der neuen KI-Ära Cyberkriminellen Tür und Tor öffnen würde.
Für die Banken bedeutet dies, dass sie mehr in Personal investieren müssen: „Banken müssen jetzt mehr Geld ausgeben, um Mitarbeiter einzustellen, die diese Lücken möglichst rasch schließen“, hebt Daniel Kröger, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter DWS, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion hervor.
Warum der Zeitvorsprung der Verteidiger schrumpft
Die Zeit drängt: Es geht nicht nur um Anthropic und Claude Mythos, sondern auch um vergleichbare KI-Modelle, die kriminellen Akteuren oder Nationalstaaten wie Russland und China bald zur Verfügung stehen könnten.
Logan Graham, Leiter des führenden IT-Sicherheitsteams von Anthropic (Frontier Red Team Lead), warnte im US-Magazin Wired: „Wir müssen uns jetzt auf eine Welt vorbereiten, in der diese Fähigkeiten in 6, 12, 24 Monaten breit verfügbar sein werden.“
In der Regel sind Hacker „gewöhnliche Kriminelle“, und oft geht es ihnen ums Geld, so das Ergebnis eines Microsoft-Reports.
KI wird zum Stresstest für Banken und Aufseher
Das KI-Modell Mythos von Anthropic ist ein Weckruf für Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden. Die Stabilität des globalen Finanzsystems steht auf dem Spiel. Bereits die Finanzkrise 2008 hat eindrücklich gezeigt, dass oft eine bloße Vermutung oder ein Gerücht über mögliche Schwierigkeiten einer Bank ausreicht, um erhebliche Marktverwerfungen auszulösen.
Die ungeahnten Fähigkeiten von Claude Mythos sind ein Signal, die Verteidigung schnellstmöglich zu verstärken. Europäische Banken müssen darauf achten, nicht ins Hintertreffen zu geraten: Project Glasswing verschafft US-Instituten derzeit einen Zeitvorsprung beim Schließen von Sicherheitsanfälligkeiten.
Internationale Kooperationen zwischen KI-Entwicklern, Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden sind jetzt dringlicher denn je. Cyberkriminalität kennt keine Grenzen – ebenso wenig wie Finanzkrisen. Zudem gibt es rechtliche Bedenken, wie die rechtlichen Schritte aus Florida zeigen.
Angela Göpfert, HR Frankfurt, tagesschau, 01.06.2026 • 16:47 Uhr
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Quellen: tagesschau, Der Spiegel